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Technische Lösungen, die die Renaturierung strategisch unterstützen: GIS und TreeMapper

Die Wiederherstellung unserer weltweiten Ökosysteme – seit Jahrmillionen bewährter Prozesse – wird zur Überlebensfrage der Menschheit. Deswegen widmet die UN dieses Jahrzehnt der Wiederherstellung unserer Ökosysteme. Das klingt nach einer großen Herausforderung. Wie können wir das schaffen? Nehmen wir an, Sie möchten zerstörte Wälder in ihrer einstigen Vielfalt zurückbringen, um die Klimakrise zu bekämpfen. Ein klares Konzept zu haben, ist der richtige Anfang – die richtigen Instrumente dafür einzusetzen, ist der nächste logische Schritt.

Dinosca Rondon,
Plant-for-the-Planet A.C. Mexico

Dinosca Rondon, GIS-Koordinatorin in unserem Renaturierungsprojekt auf der Yucatán-Halbinsel in Mexiko, gibt uns Einblicke, wie die wissenschaftlich gestützte Wiederherstellung zerstörter und degradierter Wälder mit Hilfe von GIS und der TreeMapper-App verbessert werden kann.

Dinosca, was ist GIS und warum ist es bei Renaturierungsprojekten so wichtig?

GIS (Geographic Information System mapping) ist die Kartierung mit Hilfe von Geodaten. Sie ist bei der Wiederherstellung von Ökosystemen unverzichtbar und dient uns als Entscheidungshilfe für unsere Pflanzmaßnahmen in Las Américas, Yucatán, Mexico, wo wir gerade begonnen haben, eine zwischenzeitlich als Rinderweide genutzte und daher sehr stark degradierte Waldfläche wieder in Wald zurück zu verwandeln. Meine Aufgabe ist dabei, im Vorfeld der Arbeiten detaillierte Karten zur Vegetation, den Böden, den Wasserverhältnissen und den Wetterbedingungen, wie beispielsweise der Niederschläge und Temperaturen, zu erstellen. Jetzt gerade helfe ich auch bei der Überwachung der Pflanzarbeiten. Das ist wichtig, da wir mit unserem Pflanzkonzept eine langfristige Renaturierungsstrategie verfolgen. Alle meine Tätigkeiten fallen in das Fachgebiet der Feldüberwachung. Die Beurteilung der früheren und gegenwärtigen Bedingungen auf dem Gelände gibt uns Hinweise, wie wir die Bepflanzung bestmöglich gestalten können.

Darüber hinaus analysieren wir die Pflanzfläche mit Hilfe von NASA- und Sentinel-2-Satellitenbildern aus den letzten Jahrzehnten. Sie liefern uns Erkenntnisse über Temperatur- und Niederschlagsveränderungen und unterstützen so unsere Prognosen darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass bestimmte Gebiete in einer bestimmten Phase der Regenzeit überschwemmt werden. Das hilft uns bei der Entscheidung, ob wir beispielsweise bei der Auswahl der zu pflanzenden Bäume überschwemmungsresistente Arten einplanen müssen. Oder generell Arten, die die speziellen Eigenschaften für die jeweiligen individuellen Bedingungen einer Pflanzfläche mitbringen.

Die hochwertige Dokumentation und das Monitoring mit TreeMapper verbessert die Qualität unserer Renaturierungsprozesse und schafft Transparenz. Diese Technologie stellen wir auch anderen kostenlos zur Verfügung.

… was ist mit Naturereignissen wie den Hurrikanen im Jahr 2020?

Das ist ein guter Punkt! Stichwort: Risikoprävention. Im vergangenen Jahr hatten wir hier in Campeche eine extrem ausgeprägte Hurrikan-Saison, wie seit 100 Jahren nicht mehr. Wir müssen also vorab recherchieren, analysieren, Prognosen erstellen und uns gut vorbereiten, bevor wir Bäume pflanzen. Die richtigen Fragen sind wichtig: Wo und wann gab es (Wirbel-)Stürme? Wie viele unserer Flächen wurden in früheren Zeiten überflutet? Wie viele Gebiete waren vorher trocken, Wälder oder Weiden? Daraus leitet sich ab: Welche Arten müssen wir an welchem Ort anpflanzen? Mit Hilfe von GIS-Daten können wir mögliche zukünftige Naturereignisse wie Überschwemmungen, Dürren und Temperaturschwankungen antizipieren, indem wir die historischen Aufzeichnungen interpretieren.

Eines der Ziele des GIS besteht also darin, vergangene Situationen zu rekapitulieren, um die richtigen Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Ein weiteres wichtiges Werkzeug für die erfolgreiche Renaturierung ist die TreeMapper App. Sie hilft uns bei der Erfassung von Daten und unterstützt den Überwachungs- und Messprozess. Kurz gesagt: Wir erfassen Koordinaten und andere nützliche Daten wie die Dichte der Bepflanzung, die Art der gepflanzten Bäume, ihre Höhe und ihren Durchmesser sowie die Gesamtartenzahl auf unseren Pflanzflächen, die wir alle in die App einpflegen. Auf diese Weise dokumentieren wir unsere Pflanzung und messen vor Ort die genauen Auswirkungen unserer Arbeit – all dies machen wir auf unserer Plattform sichtbar und aktualisieren es täglich.

So kann jede*r jederzeit nachvollziehen, an welcher Stelle wir gearbeitet haben und was dort genau gemacht wurde. (Weiter unten ist ein Screeshot eingefügt, der die tageweise bepflanzten Flächen ausweist). Die umfassende Dokumentation und Berichterstattung mit TreeMapper (Link zum PlayStore) verbessert einerseits ganz konkret unseren Renaturierungsprozess und schafft gleichzeitig durch die detailliertere Dokumentation Transparenz, die hoffentlich auch andere dazu inspiriert, diese App ebenfalls zu nutzen.

Schlüsselwort Transparenz. Wie dürfen wir uns einen Pflanztag in Yucatán vorstellen?

Die Regenzeit beginnt hier in der Regel im Juni und dauert bis Dezember. Das ist die richtige Zeit, um Bäume zu pflanzen, denn sie wachsen dann leichter an! Unser Ziel ist es, dieses Jahr 2,5 Millionen Bäume an zwei verschiedenen Orten zu pflanzen – 2,1 Millionen Bäume in “Las Américas 7” und 400.000 Bäume in Bacalar. Das eine Gebiet wurde infolge der Nutzung als Rinderweide, das andere durch Waldbrände zerstört. Ein Tag in der Pflanzsaison beginnt damit, dass das Projektteam pflanzt, während mein Team und ich dirket vor Ort die Daten erfassen und sammeln. Um es etwas genauer zu beschreiben: Die Pflanzer pflanzen 100 Setzlinge pro Baumreihe, immer gemischt, d.h. mindestens neun verschiedene Arten gleichzeitig.

Antoñio Dominguez, unser Renaturierungskoordinator, legt jeden Morgen die Anzahl der zu pflanzenden Bäume und Arten fest, mit dem Ziel, die Anzahl der zu pflanzenden Bäume mit jedem weiteren Pflanztag kontinuierlich zu erhöhen. Begleitend kontrollieren wir die Bodenbeschaffenheit und andere ökologische Aspekte. Dazu gehört auch, dass wir prüfen, ob jeweils die richtigen Arten und Mischungen gepflanzt werden. Damit stellen wir sicher, dass die Anzahl der gepflanzten Bäume auf jedem Hektar mit unserer Planung übereinstimmt. Es ist von großem Vorteil, dass mein Team aus der Gegend stammt. Sie kennen die örtlichen Bodenverhältnisse und sind mit den heimischen Baumarten vertraut. Ihr fundiertes Wissen trägt entscheidend zu einem erfolgreichen Ergebnis der Wiederbepflanzung bei.

Im zweiten Teil des Tages – wenn alle Bäume gepflanzt sind – erfassen und markieren wir die Umrisse der bepflanzten Areale, die so genannten Polygone, mit Hilfe von TreeMapper und GPS-Technologie. Manchmal wandern wir mehr als zehn Kilometer um das Polygon herum, je nachdem, wie viele Bäume an diesem Tag gepflanzt wurden …

… und das alles bei der großen Hitze – Respekt! Wie geht es weiter mit den bereits gepflanzten Bäumen?

Ja, es ist manchmal anstrengend, aber es lohnt sich auch! Die Standorte, an denen wir bereits Bäume gepflanzt haben, nennen wir unsere Dauerbepflanzungen. Sie sind ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Wir kehren regelmäßig dorthin zurück, um unsere Bäume und Jungpflanzen immer wieder zu messen. Das ist Teil der Gesamtverifizierung. Die Wiederherstellung von Ökosystemen ist ein langfristiger Prozess. Genau wie die Natur verlaufen unsere Aktivitäten in Zyklen und Schritten. Letztendlich führt die Dokumentation, Überprüfung und Messung unseres Projekts zu einer langfristigen Renaturierung. Es bedeutet, das große Ganze zu sehen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Mein Verifizierungsteam lässt auch Drohnen über unser Gelände fliegen, um hochauflösende Karten der Standorte vor und nach der Bepflanzung zu erstellen. Auf diese Weise können wir beobachten, wie sie sich im Laufe der Zeit verändert haben.

Dinosca, was für ein aufregendes Unterfangen! Vielen Dank für diese Einblicke in die aktuelle Pflanzsaison in Yucatán, Mexiko.

Ich fasse meine Arbeit gerne so zusammen: Wir lernen aus der Vergangenheit und schaffen eine grüne Zukunft, indem wir die Gegenwart aufzeichnen. Die Überprüfung vor Ort ist für Wiederherstellungsprojekte entscheidend. Die Bewältigung der Klimakrise bedeutet, die Natur mit Hilfe moderner Technologien wie TreeMapper und GIS klug wieder instand zu setzen.

Erfahre mehr daüber, wie unserer Renaturierungsprojekt in Yucatán zu den Zielen der UN Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen beiträgt.

Ergänzendes Video: Restoration in Yucatán 2021: 7 Steps from Devastation to Biodiversity (Renaturierung in Yucatán: 7 Schritte von zerstörten Flächen zu biologischer Vielfalt)