
Dieses Wochenende, während der CBD COP 17 in Armenien, haben wir gemeinsam mit Dr. Jan-Niclas Gesenhues , Mitglied des Deutschen Bundestages, das erste Agroforstwirtschaftsprojekt Armeniens besucht, “Shen NGO,” geleitet von Dr. Hayk Minassian. Die Organisation Shen wurde 1988 von Professor*innen und Studierenden des Polytechnischen Instituts Jerewan gegründet, um auf die dringenden humanitären Herausforderungen des Landes zu reagieren. Seitdem hat sie sich von einer Organisation für humanitäre Hilfe zu einer Akteurin der ländlichen Entwicklung weiterentwickelt und Projekte in mehr als 370 ländlichen Gemeinden Armeniens umgesetzt. Ihr Ziel ist es, die Lebensbedingungen in abgelegenen und besonders gefährdeten Regionen zu verbessern und gemeinsam mit den lokalen Gemeinschaften bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu schaffen.
In diesem Blogartikel sprechen wir gemeinsam mit Dr. Hayk Minassian und Dr. Jan-Niclas Gesenhues darüber, welche institutionellen Voraussetzungen für erfolgreiche Agroforstwirtschaft notwendig sind, wie Landwirt*innen für diesen nachhaltigen Ansatz gewonnen werden können und welchen Nutzen Agroforstwirtschaft für die Biodiversität hat.
Unser Gespräch fand an einem malerischen Berghang statt. Zwischen Wildblumen, summenden Bienen und jungen Baumsetzlingen, deren Blätter sich im Wind bewegten, sprachen wir über Natur und Landwirtschaft. Das Gespräch mitten in der Natur half uns, die Themen der CBD COP 17 besser einzuordnen und über den Wert von Biodiversität und Wäldern für die Landwirtschaft nachzudenken.
Kleinbäuerliche Betriebe müssen überall unterstützt werden

Wenn Menschen, die sich für den Erhalt der Biodiversität und der Wälder weltweit einsetzen, nicht aktiv an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt sind, geraten viele ihrer Bedürfnisse in den Hintergrund.
Wie können Institutionen die Bedürfnisse und das Verhalten kleinerer landwirtschaftlicher Betriebe einschätzen, wenn deren Stimmen in politischen Entscheidungsprozessen nicht gebündelt oder ausreichend gehört werden? Und wie können sich Landwirt*innen in einem politischen Umfeld und auf Märkten behaupten, die größere Akteure mit mehr Kapital und Forschungskapazitäten begünstigen?
Deshalb wurde bei unseren Gesprächen auf der Agroforstfläche immer wieder betont, wie wichtig es ist, einzelne Landwirt*innen und kleinbäuerliche Betriebe zu unterstützen.
Dr. Minassian erklärte, wie es einer Gruppe von Landwirtinnen gelungen war, politische Rahmenbedingungen zu verändern, die sie zuvor davon abgehalten hatten, bei Agroforstprojekten zusammenzuarbeiten. Die Organisation setzte sich bei der Regierung für eine Änderung des Kooperationsgesetzes ein. Dadurch wurde es für Landwirtinnen einfacher, sich zusammenzuschließen und gemeinsame Agroforstprojekte umzusetzen, ohne dafür höhere Steuern zahlen zu müssen.
„Es ist gut zu sehen, wie politische Interessenvertretung etwas bewirken kann“, sagte Dr. Gesenhues. Er zeigte sich beeindruckt davon, wie viel Einfluss Initiativen von der Basis auf politische Entscheidungsprozesse nehmen können.
Dr. Minassian weist jedoch auch auf die Grenzen hin: „Wir haben einige Rückschläge, weil keine grundlegenden Veränderungen akzeptiert werden.“ Er erklärte, wie langsame bürokratische Prozesse wichtige Fortschritte behindern können – insbesondere dann, wenn Landwirt*innen gleichzeitig mit den allgegenwärtigen Folgen der Klimakrise zu kämpfen haben.
Daraus lässt sich ableiten, was Menschen, die sich für den Schutz der Wälder einsetzen, wirklich brauchen: schnellere, transparentere und effizientere Strukturen, die es ihnen ermöglichen, ihre Ideen zeitnah umzusetzen.
Natürliche Lösungen für natürliche Gefahren

Während wir einen Weg entlanggingen, von dem aus sich der Blick über die Berge erstreckte, zeigte Dr. Minassian auf eine Apfelplantage an den höher gelegenen Berghängen. Er erklärte, dass es aufgrund der Kälte früher nicht möglich gewesen sei, Äpfel in dieser Höhe anzubauen. Doch mit dem Wandel des Klimas verändert sich auch, welche Pflanzen die Menschen anbauen können.
Entgegen der naheliegenden Vermutung ist das keine positive Entwicklung. Mit steigenden Temperaturen und der Möglichkeit, Obstbäume an neuen Standorten anzupflanzen, nehmen auch extreme Dürren, Überschwemmungen und Erdrutsche zu. Diese neuen Klimarisiken haben Dr. Minassian und die Landwirt*innen dazu veranlasst, nach natürlichen Anbaumethoden zu suchen, die den Auswirkungen solcher Extremereignisse entgegenwirken können.
Dürretolerante Bäume und solche, deren Wurzeln den Boden bei extremen Überschwemmungen festigen, überzeugen die Landwirt*innen zunehmend davon, dass Agroforstwirtschaft ein sinnvoller Weg ist.
Auch Dr. Gesenhues ist überzeugt, dass Agroforstwirtschaft eine „entscheidende Rolle“ bei der Bewältigung der Klimakrise spielen kann: „Denn Agroforstwirtschaft hält das Wasser im Boden.“
Tatsächlich fiel in Deutschland zwischen Anfang Februar und Mitte April 2025 weniger Regen als in jedem vergleichbaren Zeitraum der vergangenen 100 Jahre.
„Die Landwirt*innen in Deutschland sehen, dass sich aufgrund der Klimakrise und des Biodiversitätsverlusts immer weniger Wasser auf ihren Feldern befindet – oder dass es, wenn Wasser da ist, viel zu viel davon gibt“, erklärt Dr. Gesenhues.
Agroforstwirtschaft hält das Wasser im Boden und verringert den Oberflächenabfluss. Laut Dr. Gesenhues hat genau diese Eigenschaft auch bei konventioneller wirtschaftenden Landwirt*innen in Deutschland das Interesse an Agroforstwirtschaft verstärkt – also bei jenen, die sich normalerweise weniger auf natürliche Lösungen verlassen:
„… selbst die konventionell wirtschaftenden Landwirt*innen sind beim Thema Wassermanagement sehr aufgeschlossen.“
Skepsis überwinden, indem man die Vorteile vermittelt

Auf die Frage, wie man Landwirt*innen davon überzeugen könne, sich an Agroforstprojekten zu beteiligen, lachte Dr. Minassian und antwortete: „Perfekte Frage. Wir sagen: Schaut euch eure Einnahmen im Jahr 2027 an.“
Er erklärte, dass er mit Landwirtinnen darüber spricht, welche Pflanzen sie neben den Bäumen anbauen können. Auf der von uns besuchten Fläche freuten sich die Landwirtinnen besonders darauf, Spargel anzupflanzen, da dieser eine Einnahmequelle mit hohem wirtschaftlichem Wert darstellt. Die Bäume am Berghang bieten ausreichend Windschutz und schützen den Boden vor Erdrutschen. Damit eignet sich der Standort ideal für den Anbau dieser besonders wertvollen Kulturen.
Agroforstwirtschaft kann die Erträge steigern und Landwirt*innen die Möglichkeit geben, sowohl von den Obstbäumen als auch von den verbesserten Anbaubedingungen zu profitieren.
Bestäuber, Bestäuber und noch mehr Bestäuber!



Ein besonders schöner Erfolg der Renaturierung war auf der Fläche unmittelbar wahrnehmbar. Wir hörten das leise Summen der Insekten und sahen kleine Gefährten, die beim Gehen über die Fläche auf unsere Beine sprangen und sich dort niederließen: die Bestäuber.
Das Renaturierungsteam erklärte uns, dass es neben der Pflanzung von Bäumen auch ein kleines Lavendelfeld mitten auf der Fläche anlegen möchte. Damit sollen mehr Bestäuber angelockt und die natürliche Regeneration gefördert werden.
Bei unseren eigenen Beobachtungen auf Renaturierungsflächen weltweit haben wir festgestellt, dass sich natürlich regenerierte Wälder als widerstandsfähiger erwiesen haben. Sie haben bessere Chancen, Waldbrände und andere natürliche Gefahren zu überstehen. Damit sich Wälder auf natürliche Weise regenerieren können, brauchen sie jedoch so viele Bestäuber wie möglich.
Ein artenreicher Wald braucht vielfältige Ansätze für Renaturierung und Naturschutz. Umso mehr hat es uns gefreut zu sehen, dass auch unsere kleinsten Gefährten berücksichtigt werden.
Die Zukunft einer nachhaltigen Landwirtschaft

Die Zukunft hängt davon ab, dass wir uns weiterhin politisch für kleinbäuerliche Betriebe einsetzen und sie sowohl innerhalb der Landwirtschaft als auch im Rahmen der Biodiversitäts- und Klimapolitik unterstützen. Wir befinden uns derzeit auf der CBD COP 17, wo die Stimmen indigener Völker und lokaler Gemeinschaften wertvolle Erfahrungen und Fachwissen einbringen. Gleichzeitig machen sie auf neue Herausforderungen aufmerksam, mit denen sich Regierungen jetzt auseinandersetzen müssen.
Dr. Gesenhues brachte eine wertvolle Perspektive aus der deutschen Politik ein. Er machte deutlich, dass die Bundesregierung durchaus möchte, dass kleinbäuerliche Betriebe erfolgreich sind. Dennoch müssen wir lokalen Gemeinschaften bewusst und gezielt Raum geben, ihre Bedürfnisse angesichts der sich verschärfenden Klimakrise zum Ausdruck zu bringen. Zugleich müssen wir sie beim Übergang zu nachhaltigeren Methoden unterstützen.
Rechtliche Hindernisse bei der Landnutzung und dem Waldschutz zu erkennen und neue Initiativen zum Schutz der Biodiversität voranzubringen, kann nur gemeinsam gelingen. Obwohl Shen eine lokal verwurzelte Organisation ist, die von Landwirt*innen aus einer kleinen armenischen Stadt getragen wird, setzt sie sich auf politischer Ebene für den Waldschutz ein. Das zeigt: Landwirt*innen und selbst die kleinsten Akteur*innen im Waldschutz gehören an den Verhandlungstisch, wenn Entscheidungen getroffen werden.












