
Renaturierung gelingt am besten, wenn sie gemeinsam mit lokalen Gemeinschaften umgesetzt wird. In vielen Regionen leben Menschen in unmittelbarer Nähe zu Ökosystemen, die wiederhergestellt werden müssen. Ihre Einbindung ist daher entscheidend für den langfristigen Erfolg von Renaturierungsprojekten. Denn für Landwirt*innen ist ihr Land die unmittelbare Grundlage ihres täglichen Lebensunterhalts. Renaturierung muss deshalb mit ihnen stattfinden – und nicht an ihnen vorbei. Durch gemeinschaftlich getragene Agroforstwirtschaft lässt sich ökologische Renaturierung in den landwirtschaftlichen Alltag integrieren. So können ökologische Ziele direkt mit den wirtschaftlichen und sozialen Bedürfnissen vor Ort verbunden werden. Genau diese Verbindung von Natur und Landwirtschaft macht Agroforstwirtschaft zu einem wirkungsvollen Instrument für die Renaturierung. Sie steht im Mittelpunkt unseres Projekts Plant-for-Ghana, bei dem die Gemeinschaft von Banpewa eine zentrale Rolle bei der Wiederherstellung ihrer Landschaft übernimmt.
Was Agroforstwirtschaft für die ökologische Renaturierung bedeutet
Im Kern geht es bei Agroforstwirtschaft darum, Bäume in landwirtschaftliche Flächen zu integrieren und so eine Verbindung zwischen Natur und Landwirtschaft zu schaffen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) definiert Agroforstwirtschaft als ein Landnutzungssystem, bei dem winterharte Bäume gezielt gemeinsam mit Nutzpflanzen oder Vieh gehalten werden, um positive ökologische und wirtschaftliche Wechselwirkungen zu fördern. Dr. Anna Gee, Renaturierungsökologin bei Plant-for-the-Planet, fasst es einfach zusammen: „Agroforstwirtschaft bezeichnet jedes System, in dem Bäume in landwirtschaftlich genutzte Flächen integriert werden.“
Da Agroforstwirtschaft viele unterschiedliche Formen umfasst, wird jedes System an die jeweilige Landschaft angepasst. Manche Ansätze kombinieren Nutzpflanzen und Bäume in hoher Dichte direkt auf landwirtschaftlichen Flächen. Andere setzen auf sogenannte Parkland-Agroforstwirtschaft. Dabei werden wertvolle Baumarten wie Shea oder Cashew mit größeren Abständen auf gemeinschaftlich genutzten Flächen angepflanzt, anstatt sie in dichten Beständen anzubauen.
Bäume sind seit jeher von großer Bedeutung für lokale Gemeinschaften. Sie liefern wertvolle Ressourcen und verbinden Menschen über Generationen hinweg mit ihrer natürlichen Umgebung. Familien sind seit jeher auf lokale Bäume und Pflanzen angewiesen – etwa für Nahrung, traditionelle Heilmittel, Brennholz, Baumaterialien oder Schatten in den heißen Monaten. Indem wir heimische Arten direkt in bewirtschaftete Flächen integrieren, können wir die umliegende Landschaft renaturieren und die Baumdeckung erhöhen, ohne dass Landwirt*innen dafür ihre Lebensgrundlage oder ihr Land aufgeben müssen. Davon profitieren sowohl die Natur als auch die Menschen, die von der Landwirtschaft leben.



Wie Agroforstwirtschaft lokale Gemeinschaften stärkt
Gut bewirtschaftete Agroforstsysteme können landwirtschaftlichen Familien wichtige ökologische und wirtschaftliche Vorteile bringen. Dr. Anna Gee betont: „Gut bewirtschaftete Agroforstsysteme können Einkommensquellen diversifizieren, die Bodenfruchtbarkeit verbessern, Bodenerosion verringern, die Bestäubung fördern und den Verlust von Feuchtigkeit reduzieren.“
Bei schattenliebenden Nutzpflanzen wie Kakao und Kaffee kann die Baumkrone sogar direkt dazu beitragen, die Erträge unter den Bäumen zu steigern. Langfristig stärkt die Renaturierung degradierter Landschaften durch Agroforstwirtschaft außerdem die Widerstandsfähigkeit lokaler Gemeinschaften gegenüber Krisen wie Dürren und Nahrungsmittelknappheit – Herausforderungen, die durch die Klimakrise häufiger werden.
Unser Fokus auf Agroforstwirtschaft bei Plant-for-Ghana
Dieser gemeinschaftliche Ansatz prägt unsere Arbeit bei Plant-for-Ghana. Unser 1.000 Hektar großes Renaturierungsgebiet liegt in Banpewa, einem Dorf im Norden Ghanas mit rund 600 Einwohner*innen. Ältere Mitglieder der Gemeinschaft erinnern sich noch an eine Zeit, in der eine dichte Vegetation zahlreichen Wildtieren Lebensraum bot. Diese Erinnerung inspiriert die gemeinsamen Renaturierungsbemühungen bis heute.
Unser Team betreut das Renaturierungsgebiet mit dem Ziel, das heimische Ökosystem wiederherzustellen. Gleichzeitig setzen wir hier auf Parkland-Agroforstwirtschaft: Wertvolle Baumarten wie Shea werden mit größeren Abständen über die Fläche verteilt, sodass die Gemeinschaft ihre Nüsse künftig frei sammeln kann. Cashewbäume werden dagegen in höherer Dichte am Dorfrand gepflanzt. So entsteht eine gut zugängliche Zone, die der Gemeinschaft hohe Erträge ermöglichen kann.



Über das Renaturierungsgebiet hinaus stellen wir Landwirtinnen kostenlos heimische Baumarten zur Verfügung, die Nahrungsmittel, marktfähige Erzeugnisse oder Tierfutter liefern. „Wir haben die lokalen Farmen untersucht und festgestellt, dass eine große Nachfrage nach Bäumen besteht. Deshalb haben wir die Produktion unserer Baumschule an den von den Landwirtinnen gewünschten Arten ausgerichtet“, erklärt Dr. Anna Gee. „Unser Ziel ist es, die Baumdeckung in der gesamten Landschaft zu erhöhen – auch auf landwirtschaftlichen Flächen und nicht nur in unseren Renaturierungsgebieten.“
Solche Veränderungen in der Landwirtschaft erfordern ein tiefes Verständnis für die Lebensrealität der Landwirtinnen. „Viele der Landwirtinnen, mit denen wir arbeiten, sind für ihren Lebensunterhalt stark von ihren Farmen abhängig. Neue Praktiken einzuführen, bedeutet für sie daher ein erhebliches Risiko“, sagt Dr. Gee. „Deshalb bitten wir sie nicht darum, ihre gesamte Farm auf einmal umzustellen. Stattdessen können sie neue Praktiken zunächst auf einem kleinen Teil ihrer Fläche ausprobieren und sie anschließend in dem Tempo ausweiten, das für sie funktioniert.“
Heimische Baumart im Fokus: Faidherbia albida
In der Region, in der das Projekt Plant-for-Ghana angesiedelt ist, eignen sich verschiedene heimische Baumarten als Nutz- und Nahrungsmittelbäume – darunter Shea, Baobab, Tamarinde, Cashew und Mango. Eine Art zeichnet sich jedoch durch ihre besonderen ökologischen Eigenschaften aus.
„Eine besonders interessante Agroforstart ist Faidherbia albida, die auch als Apfelringbaum bekannt ist“, erzählt Dr. Gee. „Dieser Baum bindet Stickstoff und verbessert dadurch die Bodenfruchtbarkeit. Außerdem liefert er Futter für Tiere. Die wichtigste Besonderheit dieser Art ist jedoch ihre sogenannte ,umgekehrte Phänologie‘.“
Die meisten laubabwerfenden Bäume tragen während der Regenzeit Blätter und verlieren sie in der Trockenzeit. F. albida macht es genau andersherum: Der Baum trägt seine Blätter während der Trockenzeit und wirft sie während der Regenzeit ab. Dadurch spendet er in der trockensten Zeit des Jahres Schatten und hilft, den Wasserverlust durch Verdunstung zu verringern. Während der Regenzeit hingegen spendet er keinen Schatten, sodass die darunter wachsenden Nutzpflanzen ausreichend Licht bekommen und schnell wachsen können. Die Blätter, die der Baum während der Regenzeit abwirft, wirken zudem wie natürlicher Kompost und versorgen die Nutzpflanzen mit zusätzlichen Nährstoffen. Indem F. albida Nutzpflanzen beschattet und die Bodenfeuchtigkeit während zunehmend unberechenbarer Trockenzeiten schützt, wirkt der Baum wie ein natürlicher Puffer gegen klimatische Unsicherheiten für die Landwirt*innen vor Ort.
Wertschöpfung durch Verarbeitung vor Ort
Agroforstwirtschaft kann die Widerstandsfähigkeit landwirtschaftlicher Betriebe stärken. Damit sie jedoch großflächig angenommen wird, braucht es auch ein unterstützendes politisches Umfeld, das Landrechte schützt, Landwirt*innen Anreize bietet und lokale Märkte stärkt. In Banpewa schaffen wir dafür praktische wirtschaftliche Lösungen, indem wir die Produktion aus der Agroforstwirtschaft direkt mit zusätzlicher Wertschöpfung verbinden. Vor Kurzem wurde eine Ölpresse bereitgestellt, mit der die Gemeinschaft lokale Erzeugnisse wie Cashewkerne und Erdnüsse direkt im Dorf verarbeiten kann. Dieser ganzheitliche Ansatz schafft Arbeitsplätze vor Ort, steigert die Einkommen und verringert den wirtschaftlichen Druck auf natürliche Wälder. So kann gemeinschaftlich getragene Renaturierung langfristig erfolgreich sein.
→ Du kannst die Arbeit von Plant-for-Ghana hier unterstützen.












