
Eine Rekordhitze und der insgesamt zweitwärmste Juni aller Zeiten haben Europa in den vergangenen Wochen fest im Griff gehabt. Hinzu kommen immer wieder neue Erkenntnisse über das Wetterphänomen El Niño, das in diesem Jahr extreme Wetterereignisse auf der ganzen Welt verursachen soll. Doch was genau hat es mit El Niño auf sich und wie wird es uns beeinflussen?
Gleich in mehreren Ländern wurde die 40-Grad-Marke mehrmals überschritten. So etwa in Frankreich (43,8 °C), Spanien (42,7 °C) und Deutschland (41,7 °C) sowie in Österreich, Polen, Ungarn und Tschechien. Nur im Jahr 2019 war es in Europa seit Beginn der Wetteraufzeichnungen noch heißer. Auch in anderen Teilen der Welt, wie dem Osten der USA, Subsahara-Afrika oder Süd- und Zentralasien, war der Juni besonders heiß. Vor allem in Asien hält sich die Hitze seit einigen Monaten, wobei die Temperaturen sogar an der 50-Grad-Marke kratzen.
Diese Wetterextreme werden durch die Klimakrise immer häufiger vorkommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir in den nächsten Wochen weiteren Hitzewellen ausgesetzt sind, ist hoch. Zusätzlich prognostizieren Institutionen wie die Weltorganisation für Meteorologie (WMO), dass El Niño extreme Wetterereignisse verschärfen wird. Besonders zum Ende des Jahres soll der Einfluss von El Niño in vielen Regionen der Welt spürbar werden.
Was ist El Niño?
Um zu verstehen, welchen Einfluss El Niño auf unser Wetter haben wird, sollten wir zunächst klären, was El Niño überhaupt ist. El Niño ist Teil des El-Niño-Südoszillations-Kreislaufs (ENSO). Das Phänomen tritt etwa alle zwei bis sieben Jahre auf und beeinflusst die Passatwinde im Pazifik maßgeblich. In einem neutralen Zustand wehen die Passatwinde von Südamerika nach Südostasien über den Pazifik. Dadurch wird warmes Wasser nach Südostasien geschoben. Gleichzeitig steigen kalte Wassermassen vor Südamerika an die Oberfläche. In Südostasien verdunstet das Wasser, Niederschläge fallen auf Land und die danach abgekühlte Luft strömt wieder Richtung Südamerika und sorgt dort für trockenes Wetter.
Mit der Zeit können die Passatwinde schwächer werden oder sogar ihre Richtung ändern. Dann spricht man von einem El-Niño-Phänomen. Durch die fehlenden Winde werden keine warmen Wassermassen mehr Richtung Südostasien gedrückt. Stattdessen verteilt sich das warme Wasser im Pazifik und verbleibt auch vor der Küste Südamerikas. Dadurch ändern sich auch die Niederschläge und die Winde werden beeinflusst. Das hat Folgen für die Wassertemperatur vor Südamerika, die sogar wärmer sein kann als in Südostasien. Dadurch treten starke Niederschläge in Südamerika auf, während es in Südostasien trocken bleibt. Das Gegenstück zu El Niño, also La Niña, verstärkt wiederum den Normalzustand der Passatwinde.
Nicht jedes El-Niño-Phänomen ist gleich stark, allerdings zeichnet sich laut WMO ab, dass El Niño zwischen Juni und August mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent eintreffen wird. Bereits jetzt sieht man die veränderte Wassertemperatur deutlich.

Welche Folgen hat El Niño weltweit?
Die Folgen von El Niño sind Dürren und Überschwemmungen, die sich in unterschiedlichen Regionen der Welt bemerkbar machen. Laut dem World Resources Institute gehören die Karibik, Mittelamerika, Nordbrasilien, Zentral- und Nordindien, Zentral- und Südafrika, Indonesien, die Philippinen und Australien zu den Gebieten, die besonders von Dürre betroffen sein können. Starke Regenfälle könnten hingegen in den südlichen USA, in Teilen Perus, Ecuadors, Ostafrikas sowie in Teilen des Nahen Ostens und Zentralasiens auftreten. Der Höhepunkt von El Niño wird jedoch erst gegen Ende dieses Jahres und Anfang des nächsten Jahres erwartet.

Die aktuellen Vorhersagen deuten darauf hin, dass der kommende El Niño besonders stark ausfallen könnte. Die Rede ist sogar von einem “super El Niño”. Die möglichen Folgen reichen von Ernteausfällen und Wasserknappheit bis hin zum Verlust von Weideland. Dadurch könnten Nutztiere verenden oder verkauft werden müssen, was für viele Menschen den Verlust ihrer wichtigsten Lebensgrundlage bedeuten würde. Gleichzeitig könnten Hunger und Ernährungsunsicherheit zunehmen, während steigende Lebensmittelpreise die wirtschaftliche Situation vieler Menschen zusätzlich verschärfen. Besonders betroffen wären Gemeinschaften in Ländern, die bereits unter den Folgen der Klimakrise, Konflikten, Armut oder wirtschaftlicher Instabilität leiden. Für einige Menschen könnte dies sogar bedeuten, ihre Heimat verlassen zu müssen.
Die Auswirkungen eines starken El Niño sind bereits aus der Vergangenheit bekannt: Laut der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) waren während des El-Niño-Ereignisses 2015/2016 mehr als 60 Millionen Menschen betroffen. In 23 Ländern wurden daraufhin humanitäre Hilfsmaßnahmen im Umfang von rund 5 Milliarden US-Dollar notwendig.
Welche Auswirkungen hat El Niño auf Europa?
Für Europa hat El Niño zunächst keine direkten Auswirkungen, da der Kontinent deutlich weniger betroffen ist als andere Regionen der Welt. Dennoch kann das Wetterphänomen indirekt auch das europäische Klima beeinflussen. So könnte sich beispielsweise der Jetstream verändern, der das Wetter in Europa maßgeblich steuert. Auch der Polarwirbel kann durch El Niño beeinflusst werden. Dadurch könnte kalte Polarluft weiter nach Süden und warme Luft weiter nach Norden strömen, was einen ungewöhnlich kalten Spätwinter begünstigen könnte.
Wenn Europa im Sommer von Hitzewellen betroffen ist, liegt das in erster Linie an den Folgen der Klimakrise, nicht an El Niño. Dessen Auswirkungen machen sich hier meist erst im weiteren Verlauf des Jahres bemerkbar. In den Regionen, die direkt von El Niño betroffen sind, kann das Wetterphänomen hingegen deutlich schwerwiegendere Folgen haben. Treffen die veränderten Wetterbedingungen auf bereits überdurchschnittlich warme Meerestemperaturen, steigt das Risiko für extreme Wetterereignisse wie Dürren und Überschwemmungen zusätzlich.
El Niño und die Klimakrise: Herausforderungen für die Renaturierung
Auch unser Renaturierungs-Team muss sich auf die veränderten Bedingungen einstellen. In unserem Projekt Plant-for-Ghana rechnen wir mit einem erhöhten Risiko für anhaltende Dürren, geringeren Niederschlägen und steigenden Temperaturen. Diese Entwicklungen erhöhen zudem die Gefahr von Waldbränden – eine Herausforderung, mit der wir bereits in Mexiko konfrontiert waren. Gleichzeitig gehen wir davon aus, dass sich die Pflanzsaison verkürzen wird.
„Der diesjährige El Niño wird voraussichtlich weltweit zu extremen Wetterbedingungen führen. In Ghana rechnen wir damit, dass die Trockenzeit früher einsetzt, was bedeutet, dass wir ein kürzeres Fenster zum Pflanzen haben. Wenn ein junger Baum neu gepflanzt wird, sind seine Wurzeln noch nicht groß genug, um Wasser aus tieferen Bodenschichten aufzunehmen. Aus diesem Grund pflanzen wir Bäume nur dann, wenn genügend Niederschlag vorhanden ist, um den Boden noch einen Monat lang nach dem Einpflanzen feucht zu halten“, erklärt Dr. Anna Gee, Projektmanagerin für Renaturierung und Waldschutz bei Plant-for-the-Planet.
Trotz der Vorhersagen werden wir unsere Arbeit in unseren Pflanzgebieten fortsetzen. Dennoch müssen wir uns an externe Faktoren wie El Niño anpassen, damit wir sicherstellen können, dass möglichst viele Setzlinge mit den äußeren Umständen umgehen können und überleben.
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