
Ein Gespräch mit der Renaturierungsexpertin Dr. Anna Gee liefert wertvolle Einblicke
- Bäume zu pflanzen allein reicht nicht aus – Renaturierung muss ganze Landschaften und Systeme mitdenken.
- Widerstandsfähigkeit, Biodiversität und Vernetzung sind wichtiger als reine Baumzahlen.
- Ohne lokale Verwaltungsstrukturen und klare Verantwortlichkeiten scheitern Projekte oft.
- Erfolgreiche Renaturierung basiert auf langfristigen Beziehungen statt auf Standardlösungen.
- Manchmal ist natürliche Regeneration – oder sogar „weniger tun“ – wirkungsvoller als neue Pflanzungen.
- In der Praxis wird Renaturierung nicht nur von wissenschaftlichen Erkenntnissen bestimmt, sondern auch von Bürokratie, Ökologie und sozialen Dynamiken.
In den vergangenen Jahren hat sich der Ansatz vieler Renaturierungsprojekte verändert. Immer stärker rücken ganzheitliche Lösungen auf Landschaftsebene in den Fokus. Dabei spielen die Einbindung lokaler Gemeinschaften und wirtschaftliche Rahmenbedingungen eine größere Rolle als früher. Projekte schaffen zunehmend alternative Einkommensmöglichkeiten, um den Druck auf Wälder zu reduzieren – statt sich ausschließlich auf Baumpflanzungen zu konzentrieren.
Die Komplexität dieser Systeme macht Erfolge allerdings schwieriger messbar. Statt nur auf die Anzahl gepflanzter Bäume zu schauen, müssen wir auch die Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen, ihre Vernetzung und ihre langfristige Stabilität berücksichtigen.
Ein einzelner Baum hat nur dann einen Wert, wenn die Bedingungen stimmen, die ihn tragen. Ohne den umliegenden Lebensraum mitzudenken, bleiben Pflanzungen oft wirkungslos oder nur kurzfristig erfolgreich. Deshalb beginnt echte Renaturierung nicht beim einzelnen Baum, sondern bei der gesamten Landschaft – in der Baumpflanzungen nur ein Teil eines größeren Systems sind. Die Erfahrungen aus unserem Gespräch mit Renaturierungsexpertin Dr. Anna Gee sowie die Unterstützungsnetzwerke zwischen Renaturierungsorganisationen zeigen, wie dieser ganzheitliche Weg in der Praxis aussehen kann.
Bürokratie verstehen ist oft der wichtigste erste Schritt
Zwischen der Theorie der Renaturierung und der Realität vor Ort klafft häufig eine große Lücke. In der Praxis geht es um Logistik, Zeitdruck, Verwaltungsstrukturen und ökologische Unsicherheiten – Faktoren, die sich nur schwer in wissenschaftlichen Modellen abbilden lassen.
Unsere Renaturierungsexpertin Dr. Anna Gee erklärt, dass es in der Anfangsphase oft weniger darum geht, sofort große Veränderungen umzusetzen oder ambitionierte Ziele festzulegen. Viel wichtiger ist zunächst das Verständnis bestehender Prozesse.
Erst durch die Beobachtung unterschiedlicher Projekte wird sichtbar, was unter realen Bedingungen tatsächlich umsetzbar ist und wo Verbesserungen möglich sind. Gleichzeitig lernt das Renaturierungsteam die Verwaltungsstrukturen kennen, mit denen es in einem Land oder einer Region zusammenarbeiten muss.
Stell dir vor, du pflanzt einen Baum auf einem Kreisverkehr in deiner Stadt – und am nächsten Tag wird er wieder entfernt. An wen würdest du dich wenden? Lokale Verwaltungsstrukturen sind entscheidend, damit Renaturierungsprojekte langfristig geschützt werden und die gepflanzten Bäume den Menschen vor Ort tatsächlich zugutekommen.
Was passiert zum Beispiel, wenn ein Baum starke Wurzeln entwickelt und dadurch Straßen beschädigt oder Unfälle verursacht? Wer übernimmt die Verantwortung für Pflege und Sicherheit? Und wer haftet, wenn der Baum Schaden nimmt oder selbst Schaden verursacht? All diese Fragen müssen geklärt sein, bevor großflächige Pflanzprojekte beginnen können.
Unser Beratungsservice unterstützt Renaturierungsorganisationen dabei, bürokratische Hürden zu meistern. Dadurch erhalten Projekte leichter institutionelle Unterstützung und Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten.
Dr. Gee beschreibt die Rolle des leitenden Beraters David Mathenge so:
„David bekommt viele administrative Fragen – besonders aus Projekten in Kenia, mit denen er vertraut ist. Oft geht es einfach um bürokratische Prozesse, durch die sich Organisationen arbeiten müssen. Und David weiß genau, wie das funktioniert.“
Wusstest du, dass auch du die Unterstützung unseres Restoration Advisory Service nutzen kannst? Lies mehr darüber hier. Vielleicht können wir deinem Team dabei helfen, bürokratische oder administrative Herausforderungen zu lösen.
Renaturierung wird von sozialen Dynamiken geprägt
„Gemeinschaften sind keine homogenen Gruppen mit einer einzigen Perspektive“, erklärt Dr. Gee. „Sie bestehen aus Menschen mit unterschiedlichen Prioritäten und Interessen. Entscheidungen über Landnutzung werden oft innerhalb lokaler Verwaltungsstrukturen ausgehandelt. Dadurch wird der Prozess komplexer und weniger geradlinig, als er häufig dargestellt wird.“
Erfolgreiche Projekte basieren deshalb meist auf langfristigem Vertrauensaufbau. Statt immer neue Lösungen von außen einzuführen, arbeiten wir mit bestehenden Strukturen und Menschen zusammen, die bereits Vertrauen innerhalb der Gemeinschaft genießen.
Ein Beispiel dafür ist unser Projekt mit Miguel Colorado rund um den neuen Guten Riegel. Dieses Projekt wurde nur möglich, weil unsere Partner über viele Jahre enge Beziehungen aufgebaut haben und genau verstehen, welche Form der Renaturierung Mensch und Natur vor Ort tatsächlich brauchen.
Wenn Expertinnen wie Dr. Gee Renaturierungsflächen besuchen, treffen sie oft auch die Familien, die rund um diese Projekte leben. Dr. Gee teilt Mahlzeiten, Geschichten und gemeinsame Momente mit den Menschen vor Ort, während sie ihre Forschung durchführt.
Dieser persönliche Ansatz ist für uns wichtig – denn er motiviert uns auch in schwierigen Zeiten weiterzumachen.
Warum wir über einzelne Pflanzungen hinausdenken
Eine bestehende Waldfläche zu betrachten, die renaturiert werden muss, oder ein offenes Gebiet, das sich für einen Wald eignet, ähnelt dem Verständnis lokaler Verwaltungsstrukturen: Es braucht Geduld und genaue Beobachtung.
So gewinnen wir gemeinsam mit unseren Partnern die Sicherheit, die richtigen Baumarten auszuwählen und die passenden Flächen zu identifizieren. (Mehr über die Baumarten auf unserer Renaturierungsfläche im Yucatán findest du hier.)
Renaturierungsarbeit verfolgt meist zwei zentrale Ziele. Das erste ist die Verbesserung des Landmanagements auf Landschaftsebene. Dafür arbeiten wir mit Landbesitzer*innen und Landwirt*innen an Maßnahmen wie Agroforstwirtschaft oder natürlicher Regeneration, die sowohl ökologische als auch wirtschaftliche Resilienz stärken können.
Ein Beispiel dafür ist unser Renaturierungsprojekt in Ghana, in dem Cashewbäume und andere lebensunterstützende Arten wachsen, die lokalen Gemeinschaften neue Perspektiven eröffnen.
Das zweite Ziel ist der Schutz bestehender alter Wälder. Diese Wälder sind bereits funktionierende Ökosysteme mit hoher Biodiversität und großem Kohlenstoffspeicherpotenzial. Ihre Stabilität hängt jedoch stark davon ab, was in den umliegenden Gebieten passiert. Deshalb kann Renaturierung nie isoliert betrachtet werden.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, theoretische Konzepte unter realen Bedingungen umzusetzen. Auf dem Papier wirken viele Ansätze einfach – in der Praxis stoßen Projekte jedoch oft auf ökologische, soziale oder administrative Grenzen.
Ein zentrales Problem auf Landschaftsebene ist die Fragmentierung von Wäldern. Je stärker Wälder zerteilt werden, desto anfälliger werden sie. Mit dem Verlust von Baumflächen brechen auch ökologische Beziehungen innerhalb des Waldes zusammen.
Wälder sind auf Tiere angewiesen, die Samen verbreiten oder Pflanzen bestäuben. Gleichzeitig benötigen diese Tiere zusammenhängende Lebensräume. Werden diese Verbindungen unterbrochen, verliert das gesamte System an Stabilität und gerät in eine negative Rückkopplungsschleife.
Deshalb umfasst Renaturierung weit mehr als das Pflanzen von Bäumen. Sie bedeutet auch, Waldfragmente wieder miteinander zu verbinden, ökologische Korridore zu erhalten und den Druck auf bestehende Wälder zu reduzieren.
Unser Restoration Advisory Committee unterstützt Projekte dabei mit fachlicher Beratung. Gemeinsam mit unserem Team konnten Renaturierungsorganisationen die Vielfalt ihrer gepflanzten Baumarten deutlich erhöhen und dadurch biodiversere Wälder schaffen.
Ein Projekt in Kenia konnte mithilfe unserer Beratung die Zahl heimischer Baumarten von nur drei auf dreizehn steigern.
Manchmal ist weniger mehr
Nicht jede Renaturierung braucht großflächige Pflanzungen. In manchen Fällen sind kleinere, gezielte Eingriffe innerhalb einer Landschaft deutlich wirkungsvoller.
Unsere Arbeit hat gezeigt, dass der Fokus auf einzelne Flächen oft zu kurz greift, wenn die umliegenden Bedingungen nicht mitgedacht werden. Deshalb betrachten wir lieber das gesamte System statt nur einzelne Teilbereiche.
Es gibt außerdem Ökosysteme, in denen klassische Renaturierungsansätze nicht funktionieren – und in denen völlig neue Denkweisen nötig sind.
Manche Ökosysteme sind sogar auf Störungen angewiesen, um ihre Struktur und Biodiversität zu erhalten. Auf unserer Renaturierungsfläche in Ghana spielen natürliche Feuer eine wichtige Rolle. Einige Baumarten dort benötigen Hitze und Rauch, damit ihre Samen keimen können.
Ein ähnliches Feuer würde dagegen in Mexiko massive Schäden verursachen und aktives Eingreifen notwendig machen. In störungsabhängigen Ökosystemen wie in Ghana wäre das Ziel eines möglichst dichten Waldes deshalb nicht sinnvoll.
Selbst in klassischen Waldökosystemen kann natürliche Regeneration manchmal besser funktionieren als aktive Pflanzungen – abhängig vom Zustand der Fläche und den Bedingungen vor Ort. Welche Maßnahme die richtige ist, hängt immer vom jeweiligen Kontext ab.
Fazit
Jede Form der Waldrenaturierung bedeutet Hoffnung und Veränderung. Es ist besser, kleine Schritte zu gehen als gar keine.
Gleichzeitig lohnt es sich, die Herausforderungen hinter erfolgreicher Renaturierung zu verstehen und Organisationen zu unterstützen, die ganzheitlich arbeiten – wie die Projekte auf unserer Plattform.
Bist du Teil einer Renaturierungsorganisation und suchst Unterstützung? Dann nutze unsere Online-Ressourcen, Apps und die Expertise unserer internen Renaturierungsexpert*innen.












