
„Egal, wie groß die Vision ist: Gemeinsam könnt ihr sie verwirklichen – unabhängig davon, wie weit ihr euch von den vermeintlichen Zentren der Macht entfernt fühlt. Eure Stimme zählt, und gemeinsam können wir wichtige Fortschritte für Klimagerechtigkeit erreichen.“
– Jule Schnakenberg, Policy & Advocacy Beraterin bei Plant-for-the-Planet
Vergangene Woche verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen eine historische Resolution zur Unterstützung des Gutachtens des Internationalen Gerichtshofs (IGH) zur Klimakrise. Darin wird bekräftigt, dass Staaten eine rechtliche Verpflichtung haben, der Klimakrise entgegenzuwirken. Die Resolution wurde mit 141 zu 8 Stimmen angenommen und ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit von Gemeinschaften pazifischer Inselstaaten, zivilgesellschaftlichen Organisationen, jungen Jurist*innen, Studierenden und Klimaaktivist*innen aus aller Welt. Zu den Beteiligten gehört auch Jule Schnakenberg, die seit 2020 Teil dieser globalen Initiative ist.
Warum zeigt dieser Erfolg, dass Engagement aus der Zivilgesellschaft Veränderungen bewirken kann? Und was bedeuten das Gutachten des IGH und die neue UN-Resolution für die Rechenschaftspflicht im Klimaschutz? Beide sind rechtlich nicht unmittelbar bindend – dennoch bringen sie die Welt einen wichtigen Schritt näher an Klimagerechtigkeit.
Vom IGH-Gutachten zur UN-Resolution
Das Klimagutachten des Internationalen Gerichtshofs
Am 23. Juli 2025 veröffentlichte der Internationale Gerichtshof ein 120-seitiges Gutachten zum Klimawandel. Darin erkennt das Gericht die „dringende und existenzielle Bedrohung durch den Klimawandel“ ausdrücklich an. Der IGH berücksichtigte die Aussagen zahlreicher Betroffener und entwickelte eine umfassende rechtliche Orientierung für mehr Klimagerechtigkeit. Das Gutachten kann Staaten künftig als Leitlinie dienen und dazu beitragen, sie für ihr Handeln rechtlich zur Verantwortung zu ziehen.
Besonders wichtig: Der Gerichtshof stellte klar, dass Staaten verpflichtet sind, die Klimakrise zu bekämpfen, um die Menschenrechte ihrer Bevölkerung zu schützen. Zudem bestätigte er, dass Staaten die jeweils ambitioniertesten Klimaziele verfolgen müssen, die auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft basieren. Kommen Staaten diesen Verpflichtungen nicht nach, können sie für entstandene Klimaschäden haftbar gemacht werden. Dazu gehören auch Entschädigungszahlungen. Das Gutachten stärkt insbesondere die Position von Gemeinschaften, die bereits heute an den Folgen der Klimakrise leiden, und unterstützt sie dabei, gegen umweltschädliche Projekte vorzugehen.
Da viele Menschen die bisherigen internationalen Bemühungen als unzureichend empfinden, wenden sie sich zunehmend an Gerichte. Dort fordern sie die Einhaltung von Klimazielen und Entschädigungen für entstandene Schäden. Weltweit sind bereits Tausende Klimaklagen anhängig. Im Juni 2025 lag ihre Zahl bei 3.099 – gegenüber 884 Verfahren im Jahr 2017. Das Gutachten des IGH liefert diesen Verfahren eine deutlich stärkere rechtliche Grundlage.
Ein einfaches Beispiel verdeutlicht die Bedeutung: Wenn es an einer Schule Mobbing gäbe, aber kein Wort dafür, wäre es schwierig, Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen. Erst wenn klar benannt wird, dass ein bestimmtes Verhalten Mobbing ist und jemand dafür verantwortlich ist, können Konsequenzen folgen. Genau das leistet das IGH-Gutachten für Klimaschäden. Es hilft dabei, Umweltzerstörung als Unrecht anzuerkennen und den Weg für Wiedergutmachung zu ebnen. Deshalb gilt das Gutachten als historischer Fortschritt für Klimagerechtigkeit – und als wichtiger Auslöser für die nun verabschiedete UN-Resolution.
Die UN-Resolution
Es ist gängige Praxis, dass die UN-Generalversammlung Gutachten des Internationalen Gerichtshofs aufgreift und deren Ergebnisse in politische Prozesse überführt. Vanuatu und eine Gruppe unterstützender Staaten führten deshalb in der ersten Hälfte des Jahres 2026 einen umfassenden Konsultationsprozess durch. Ziel war es, möglichst breite Unterstützung für einen starken Resolutionstext zu gewinnen. Am 20. Mai 2026 stimmten schließlich 141 Mitgliedstaaten dafür, die rechtlichen Erkenntnisse des IGH-Gutachtens offiziell zu bekräftigen und einen Umsetzungsprozess einzuleiten. Dieser umfasst unter anderem einen Bericht des UN-Generalsekretärs zur praktischen Umsetzung der Empfehlungen.
Die Resolution verweist ausdrücklich auf das Gutachten und betont, dass das Wohlergehen heutiger und zukünftiger Generationen von einem sofortigen und entschlossenen Handeln abhängt. Zugleich stellt sie klar: Verstöße gegen diese internationalen Verpflichtungen können als völkerrechtswidrige Handlungen gewertet werden und rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Dazu gehören die Beendigung rechtswidriger Praktiken sowie die Verpflichtung zur Wiedergutmachung entstandener Schäden.

UN-Generalsekretär António Guterres bezeichnete die Resolution als „starke Bestätigung des Völkerrechts, der Klimagerechtigkeit und der Wissenschaft“.
Auch die größten Emittenten fossiler Treibhausgase wissen um die Bedeutung dieser Entwicklungen. Sie setzen sich weiterhin gegen verbindliche Klimaziele ein. Gerade dieser Widerstand zeigt jedoch, wie relevant die neuen rechtlichen Grundlagen sind. Denn mehr Verbindlichkeit bedeutet auch mehr Verantwortung für verursachte Schäden.
Die Rolle der Menschen und der besonders betroffenen Gemeinschaften
Der Ursprung dieser Entwicklung liegt in einem Universitätsprojekt von Jurastudierenden aus pazifischen Inselstaaten. Später wurde die Initiative von Jugenddelegierten, zivilgesellschaftlichen Organisationen und internationalen Netzwerken weitergetragen.
Jule Schnakenberg wurde 2019 durch ein Gespräch mit einer befreundeten Person auf die Initiative aufmerksam. Diese hatte zuvor Solomon Yeo von Pacific Island Students Fighting Climate Change kennengelernt. Gemeinsam arbeiteten sie daran, einen der bislang ambitioniertesten rechtlichen Wege für mehr Klimaschutz und Rechenschaftspflicht zu verfolgen.
Die weltweite Allianz hinter diesem Verfahren zeigt eindrucksvoll, was möglich ist, wenn junge Menschen, besonders betroffene Gemeinschaften, Basisinitiativen und zivilgesellschaftliche Organisationen zusammenarbeiten. Sie beweist, dass gesellschaftliches Engagement auch große internationale Institutionen bewegen kann – unabhängig davon, wie weit man sich von den vermeintlichen Machtzentren entfernt fühlt.
Die nächsten Schritte
Die breite Unterstützung für die Resolution sendet ein starkes politisches Signal für Klimagerechtigkeit. Nun gilt es, aus diesem politischen Willen verbindliche rechtliche Verpflichtungen abzuleiten. Gleichzeitig müssen die nationalen Klimaschutzbeiträge (NDCs) so ausgestaltet werden, dass ihre Umsetzung tatsächlich eingefordert werden kann.
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